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Comments (6) MINDSET TOUR.

Delhi, 1. Stopover: Mathias Haas reist weiter, Matthias Müller „nie“ ein

DER TRENDBEOBACHTER hat 13 Interviews mit insgesamt 15 Menschen geführt, die ASIAN MINDSET TOUR fängt gut an. Mathias Haas hat beobachtet und recherchiert, der Pragmatiker hat alles gegeben – trotz Verkehr und Luftfeuchtigkeit.

Zweifelsohne ist Indien – ein Land so groß wie Europa, mit 28 Bundesstaaten und über 1,2 Milliarden Einwohnern – allein von der Megacity Delhi aus nur begrenzt erfassbar. Und doch war der Redner und Moderator vor Ort. Der Porsche-Chef Matthias Müller hingegen wird genau dort gesucht. Laut Manager Magazin ist von „Betrug, Erpressung und Untreue“ die Rede, und Herr Müller sowie fünf Vorstandskollegen wissen selbst nicht, mit welchen konkreten Vorwürfen Sie sich beschäftigen sollen.

 Ein zentrales Thema: Rechtsuntersicherheit

In Schwellenländern ist Korruption sehr verbreitet, doch in Indien wird sie zum unternehmerischen Albtraum. Laut Transparency Institut liegt das Land an Platz 94 von 133 weltweit. Rechtsunsicherheit, Korruption, unberechenbare Behörden und Geschäftspartner sind für ausländische wie für lokale Unternehmen schwer zu ertragen. Egal ob Flugzeugleasingfirmen, Pharmariesen oder der Sportwagenhersteller – alle treffen auf chronisch überlastete Gerichte. „Doing Business“, eine Organisation der Weltbank, hat in unterschiedlichen Staaten untersucht, wie lange es dauert, bis Vertragsansprüche durchsetzbar sind. Indien kam hier auf Platz 184 von insgesamt 185. Eine zweite Zahl: die Unternehmensberatung Dr. Wamser + Batra haben erarbeitet, dass 50 Prozent aller deutsch-indischen Joint Ventures innerhalb der ersten 3 Jahre wieder auseinander gehen.

So hart die Bedingungen sind, die Binnennachfrage ist riesig

So hart die Bedingungen sind, das Selbstbewusstsein ist groß

Die Megacities Delhi und Mumbai sind wahnsinnige Treiber. Beispielsweise entstehen Malls, die auch fleißig angenommen werden. Als Mittelschicht werden über 300 Millionen Menschen definiert, quasi alle verheirateten Paar haben Kinder. Selbst in der Provinz stieg der Umsatz von Audi in den letzten zwölf Monaten um 43 Prozent, bei Mercedes um 5,4 Prozent. Mit der Landlust kommt dann auch Unilever gut zu Recht. Mit kleineren Verpackungseinheiten agiert der zweitgrößte Konsumgüterhersteller, und das obwohl (oder vielleicht gerade weil) noch zu 90 Prozent über Tante-Emma-Läden verkauft wird.

Aufholbedarf wird mit Marken bedient

„Delhi is a mega city where everything is about ’showing off‘ !“, so Garun Gutam, ein 27 jähriger Jungunternehmer. Er lebt, was er sagt: zum Interview-Termin kam er mit einem Volkswagen – stolz wurden angesagte Clubs und das hochwertigste Hotel der Stadt präsentiert.

Feinstes Essen, feinster Club

 

 

 

 

 

Für Mathias Haas wurde immer wieder, regelmäßig und unübersehbar deutlich, dass „der Inder an sich“ ackert wie verrückt und der Wettbewerb irre hoch ist. Für die eigenen Kinder geht es um Bildung, koste es was es wolle – auch wenn der Druck die kleinen Menschen in den Wahnsinn treibt.

Die Zahlen sprechen für sich – Ausbildung für Millionen

So hat das „All India Institute of Medical Sciences” auf etwa 400 Studienplätze ungefähr 1 Million Bewerber. Dem Keynote Speaker Haas wurde mehrere Mal beschrieben, dass ein Abschluss mit 99% oder 100% gut genug ist, das 98% oder weniger aber zum Job im Call Center führt. Wer möchte schon sein Kind in der Telefonzentrale für eine deutsche Billigairline sehen – zumal ein halbes Familienvermögen für die Ausbildung „drauf ging“.

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Gleichzeitig ist diese junge Gesellschaft die große Hoffnung vieler Interviewpartner. Gepaart mit der Transparenz und dem Zugang zu Wissen wird auch der ein oder andere nachwachsende Landwirt zum Audi-Fahrer und durchaus der nächste Traktor mit mehr als 30 PS gekauft. Letzteres wurde beim Meeting mit Managern von NEW HOLLAND Agriculture deutlich. Dort werden bisher importierte Mähdrescher jetzt auch in Indien produziert. Der Stolz war zu spüren, alleine die geografische Lage der Firma nennenswert, denn diese ist entscheidend. Hier stimmt die Infrastruktur inklusive Straßen und Stromversorgung. Während des Interviews hat nur das Licht im Bürotrakt geflackert – in der Produktion war sie stabil.

Mathias Haas ganz oben

Vom „Service-Provider“ zum Produzenten

Die indische Denke ist auf das eigene Land fokussiert, obwohl die Einflüsse z.B. aus China genauso sichtbar sind wie in Deutschland. Es wird und es muss das Ziel sein, den Subkontinent vom Service-Provider zum Produzenten zu wandeln, und es gibt für beide Sparten schon ordentliche Player. Nehmen wir nur Infosys und Tata. Der IT-Riese bedient schon heute den deutschen Markt, und BMW lässt sich in München mit einer „strategischen Infrastrukturmanagement-Partnerschaft“ (als Zukunfts-Pragmatiker hört sich das komplex an) bedienen. Tata dagegen bietet TV-Programm, Handyvertrag genauso an wie natürlich die Autos. Gerade kam das Facelift vom neuen Nano heraus – 13 km pro Liter, etwa 2.000 EUR für einen Neuwagen; Bosch-Komponenten inklusive.

Das Megacity-Megavehical?

Auch in Delhi kommt die Automatisierung

Jedes Interview ist tatsächlich lesenswert. Die Ansichten werden derartig direkt angesprochen und klar formuliert, die Sichtweisen sind offensichtlich variantenreich und gleichzeitig sind dann einzelne Aussagen hochspannend: So wie die von Rajesh Chopra, Deputy Vice President der HDFC Bank in Delhi…

Denn Herr Chopra war er vor kurzem in München. Als Gesamtverantwortlicher für Banknoten, Geldtransporte und beispielsweise das Auffüllen von Geldautomaten muss auch er Effizienz nachweisen. So wird wohl eine Maschine angeschafft, die fünf andere Geräte ersetzt und zu deren Betreuung anstelle von 16 Personen nur noch fünf ran müssen.

Egal, ob es um die Grenzübertritte der Chinesen geht, um den Missbrauch von Kindern und Frauen, die Entwicklung zwischen Arm und Reich, die großartig-neue Metro oder die angesagte Modemarke Burberry – DER TRENDBEOBACHTER hat sehr charmante, stolze und tüchtige Menschen erlebt.

Die meisten Rikscha fahren mit Autogas

 

 

 

 

Sicher waren die meisten Gesprächspartner zumindest aus der Mittelschicht oder darüber, und schon deshalb müssen die Beobachtungen kritisch bewertet werden. Die Stimmung, die Einstellung und die Grundhaltung waren jedoch sehr auffällig, denn die Menschen können durchstarten. Sie müssen durchstarten,  oder sie wollen zumindest durchstarten. Oft arbeiten sie sieben Tage die Woche, acht bis zwölf Stunden am Tag. Sie arbeiten hart, verrückterweise dann oftmals für europäische Marken wie Ikea, H&M aber auch für Bottega Veneta oder gar Ferrari. Selbst arme Menschen haben kaum zu essen, doch ein Mobiltelefon ist präsent, und wenn es aus zweiter oder dritter Hand gekauft wurde. So gibt es dann Tablett-PCs unter 50 EUR, die natürlich trotzdem nicht jeder erstehen kann. Und doch ist auch dieses Exponat (DER TRENDBEOBACHTER hat ein solches im Gepäck) ein Beweis für die Kraft, die sich hier entwickelt. Alleine die IT-Kompetenz, die hier entsteht….

Megatrend Fastfood?Kleiner Mann mit wichtiger Tüte

Es ist schon auffällig, ermutigend oder erschreckend – je nach Sichtweise – wenn ein etwa sieben jähriger Junge erst um Almosen bettelt, um dann mit 30 INR bei McDonalds einen Hamburger zu kaufen und ihn dann vollkommen glücklich strahlend zurück am Parkplatz zu verspeisen.

 

Nur leider muss er dann wieder los. Betteln. 

Es ist zu hoffen, dass der kleine Bursche irgendwie auf eine Schule kommt und sich durchsetzt, dabei bleibt und eine Ausbildung macht. Die Perspektiven wären so gut…Er könnte deutlich besser leben als seine Eltern, die Oma, der Opa. Doch die Träume und die Kluft an seinem Arbeitsplatz – dem Parkplatz – sind so groß, dass Indien noch lange mit sich selbst beschäftigt sein wird. Hoffentlich kommt er nicht unter die Räder.

 

 

Mathias Haas ist Beobachter, Zusammenfasser, Pragmatiker. DER TRENDBEOBACHTER möchte mit der ASIAN MINDSET TOUR seinen „Echtzeit-Check“ dafür nutzen, sich selbst upzudaten und gleichzeitig Organisationen und Menschen zukunftsfit machen. Megatrends kommen nicht über Nacht, und genau dies möchte der Redner und Moderator mit dem Besuch bei über 50 Millionen Menschen beweisen. Die Bandbreite der Entwicklungsoptionen sind groß, der gemeinsame Nenner der Interviews ist definierbar. Machen Sie sich ein eigenes Bild von Delhi, der Megacity aus dem Megaland Indien.

 

Mehr Details zum Sprecher und Workshopmoderator, zu LEGO SERIOUS PLAY und anderen veränderungsfreundlichen Methoden:

www.trendbeobachter.de

www.play-serious.org

 

 

 

 

 

6 Responses to Delhi, 1. Stopover: Mathias Haas reist weiter, Matthias Müller „nie“ ein

  1. Eppinger sagt:

    Interessante Einsichten! Bin gespannt auf den weiteren Verlauf der Tour.

  2. M. Haufler sagt:

    Hey Mathias,

    super spannend! Das mit der Rechtsunsicherheit hat micht echt überrascht. (german angst lässt Grüßen)
    Das man hier und da etwas Bakschisch braucht wußte, ich aber derart extrem da sist heftig. Vielleicht gibt das uns noch ein paar Jahre. Wie ist denn die Gehaltsentwicklung in Indien? Als ich vor einigen Jahren in China war, waren 10% keine Seltenheit. (Damit korrigieren sich Billiglöhne nach einigen Jahren).

    Ich freue mich schon auf die nächsten insights. Viel Spaß noch und viele gute Eindrücke.

    Micha

    • mhaas sagt:

      Hey Micha,

      merci für Deinen Input!
      Davon lebt ja das Ganze.

      In Indien wurde mir immer wieder signalisiert, dass die Loyalität zum Arbeitgeber extrem gering sei – zumindest in der Mittelschicht. 1 – 2 „EUR“ mehr und weg… natürlich wird es sehr unterschiedlich sein, aber nach meinen Informationen sind 5 bis 10 Prozent Lohnerhöhung machbar. Und das trifft sicher bei der Unterschicht nicht zu. Aber natürlich startet dieses Rennen quasi von „Null“. Als Anhaltspunkt, ein Taxifahrer hat 200 EUR/Monat verdient.

      Übrigens habe ich auch wieder in Singapore gehört, dass ein Konkurrenzangebot schon ab 1 – 2 „EUR“ attraktiv sei und Mitarbeiter weg sind.

      In beiden Megacities steigen die laufenden Kosten enorm – ein großes Thema jenseits der Superreichen.
      Viele Grüße und bis bald – Glück auf!
      Mathias Haas

  3. Yuergen Lingg sagt:

    Hey Heldenhase,

    ich bin von der Dichte deines Reports mehr als überwältigt. Habe das Gefühl ich reise in deinem Gehirn mit. Wow, Delhi ist ja schon der Hammer an Einblick, Aufblick, Weitblick.
    So viel wichtige Therapietipps gegen German Angst allein schon vom 1. Stopp.

    Reise weiter für uns!

    yuergenlingg

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